Alexander Nicolai

Mein Name ist Alexander Morris Nicolai.

Ich wurde an einem sonnigen Mittwoch morgen im Mai geboren, in einer kleinen Stadt unweit der Schweizer Grenze, die zu Recht als verschlafen gelten kann, aber an einem sonnigen Tag im Mai nett anzusehen ist.

Bis zu meinem 14. Geburtstag trug ich den Namen Tornyai, den Geburtsnamen meines Vaters, der, so die Familienerzählung, zwei Generationen vorher erfunden wurde, um die Familie vor Verfolgung zu schützen.

Diese Verzweigung meiner Ahnenlinie ist geprägt von Draufgängern, von Hasardeuren und Schurken, Spielern und Bauern. Diese Linien haben mit den anderen Linien, den preußischen und den russischen vor allem eins gemeinsam:

Wenn man nicht gerade andere Völker überfiel und vertrieb, so war man Bauer, und war man Bauer, so dauerte es nicht lange, bis man überfallen und vertrieben wurde.

Überfall und Vertreibung sind somit Teil meiner Identität, und sicher auch Teil der deutschen Identität, vielleicht aber auch einfach grundlegender Bestandteil unserer europäischen und globalen Identität als Menschheit.

In den Geflechten meiner Ahnenreihen bis hin zu dieser kleinen Handvoll Hominiden, die sich in Afrika an Baum der Erkenntnis überfressen haben, hatte ein jeder seinen Platz in der Weltgeschichte, aber keiner blieb, so ich das beurteilen kann, in jener Erinnerung, die wir als Geschichte bezeichnen. Alles Mittelmaß, sicher mit Ausreißern ins Gute oder ins Grausame, aber nichts, das wirklich spektakulär oder bedeutend war.

Wenig spektakulär und bedeutend ist meiner Erfahrung nach auch das Leben der meisten Schriftsteller und Dichter. Meist neigt unsereins doch eher zum Stubenhocken und vor sich hin Träumen.

Falls überhaupt zeichnet uns eher ein bewegtes Innenleben aus, und das bringt und führt mich zu einer Familie, deren Verbundenheit ganz anders beschaffen ist, deren Linien an Blut und Genetik vorbei, ja sogar darüber hinaus reichen: meiner geistigen Familie.

Warum ich schreibe?

Nun, weil es mir eine Stimme in meinem Inneren sagt, sie sagt: schreibe.

Die Frage warum sie das sagt, könnte Stoff liefern für alle Theorien unseren Seins.

Interessanter wäre vielleicht die Frage, wessen Stimme da spricht. Ist es wirklich meine? Bin das ich, ist das das Ich, das eigentliche? Was ist das überhaupt, das Ich?

Von meinem Standpunkt aus kann man das Ich gut als Geschichte begreifen, als Erzählung, so komplex und vielschichtig, dass es mehr als eines Lebenszeitalters bedürfte, um sie aufzuschreiben, ebenso sie zu lesen.

Von diesem Standpunkt aus lässt sich auch Literatur nur noch als fragmentarisch begreifen. Um überhaupt eine Geschichte erzählen zu können, bleiben nur Splitter des Ganzen, aus denen wir ein Mosaik zusammensetzen, das jeweils nur Ausschnitte skizziert.

Indessen bedeutet Schreiben für mich nicht etwas zu tun, sondern etwas wahrzunehmen.

Diese Wahrnehmung wiederum tastet über den Rand der Worte hinaus in Dimensionen ohne Worte.

Wer zu meiner Familie gehört, wird verstehen, was ich meine. Wer nicht, dem kann ich nur gute Unterhaltung wünschen. Von ganzem Herzen.

 

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